Das Tagebuch von Rózsa Deutsch

Rózsa Deutsch gehörte zu den etwa geschwächten 70 Frauen, die bei der Evakuierung des Außenlagers im Lager zurückgelassen wurde. Am 13.04.1945 wurden die Frauen durch US-Soldaten entdeckt, notversorgt und am 17.04.1045 in ein Lazarett auf dem Flugplatz Altenburg-Nobitz und später nach Waldenburg gebracht. Rózsa Deutsch begann nach der Befreiung ein Tagebuch zu schreiben, in dem sie ihren Weg über Altenburg, Waldenburg, Zwickau und Karlsbad zurück nach Budapest festhielt. Rózsa Deutsch übergab ihr Tagebuch 2001 der Gedenkstätte Buchenwald.
In diesem Tagebuch beschreibt sie ihre Erlebnisse in der gewonnenen Freiheit. Gekennzeichnet ist das Tagebuch durch viele Skizzen bzw. Zeichnungen, die einerseits ihre Erfahrungen im Außenlager widerspiegeln, anderseits auch das Leben der befreiten Frauen in Altenburg und Waldenburg darstellen. Dabei zeichnet sie ihre Kameradinnen oft in karikierter Form. Des Weiteren finden sich schön gezeichnete Ansichten des Lazaretts in Altenburg und der Stadt Waldenburg.

Unten sehen Sie einige wenige Auszüge aus dem originalen Tagebuch und eine Teilabschrift.

Reproduktion - Quelle: Archiv Gedenkstätte Buchenwald – BwA-K-32-XIV-1 -Tagebuch der Rosa Deutsch

Teilabschrift des Tagebuchs von Rózsa Deutsch

Altenburg
Vom 7. Mai 1945 bis zum 20. Mai 1945 finden sich nur Aufzeichnungen davon, was sie zum Essen bekommen hatte. Zum Beispiel:

Montag, 7. Mai
Frühstück: Grießbrei, Brot, Butter, Aprikosenmarmelade, Omelette mit Speck, Orangen und Kaffee
Mittag: Suppe mit Reis, Hühnchen, Kartoffelpüree, Birnenkompott, Tee, Brot und Butter
Abendessen: Fischfrikadellen, Kartoffeln, Tomaten, Möhren, Kakao, Brot und Butter

Sonntag, 13. Mai
Frühstück: Omelette, Brot im Mantel (in Ei gebacken), Butter, Apfelmus, Kaffee
Mittag: Hühnerbrühe, Fleisch mit Soße, Kartoffeln, Möhren, Sauerbeeren-Kompott, Brot und Butter
Abendessen: Fleisch aus der Dose mit Soße und Zwiebeln, Kartoffelpüree, Spinat, Kirschkompott, Brot, Emmentaler, Butter, Kakao

Eine lose Einlage vom 31. Mai mit dem Titel: „Vidám estünk műsora“ beschreibt ein Programm eines unterhaltsamen Abends, den die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen selbst gestalteten. Dazu gibt es noch eine Liste mit den Namen von zwanzig ehemaligen Mithäftlingen.

Das Programm
1) Der Einmarsch der amerikanischen Soldaten (one, two, three, four)
2) Spanischer Grande und seine Frau (Boros, Deutsch)
3) unleserlich Diseuse (Raskai Ágnes)
4) Spanische Tänzerin und Toreador (Boros, Deutsch)
5) Stierkampf (Frisch, Deutsch)
6) Edit, die Aufseherin (Raskai Ágnes)
7) Imitation/Nachahmung
8) Griechischer Hirtenjunge (Raskai Ágnes)
9) Schule (Boros, Frisch, Raskai, Huba, Deutsch)
10) Aufmarsch (one, two, three, four)

Waldenburg
Im Zeitraum zwischen dem 8. Juni und 11. Juni wurden die Frauen nach Waldenburg verlegt. Es entstanden u. a. zwei Zeichnungen „Aussicht von einem Zimmer unseres Hauses" und „Aussicht vom Mansardenzimmer“.

Zwickau
Am 27. Juni ging es weiter nach Zwickau. Ab diesem Zeitpunkt finden sich detailliertere Beschreibungen der Ereignisse.

27. Juni
Reise in einem offenen Wagen bei strömendem Regen von Waldenburg nach Zwickau. Unterbringung im Lager.

28. Juni
Vorführung der Italiener im Lager

29. Juni
Liegeplätze auf dem Boden, im Dreck, Hunger.

30. Juni
Am Morgen wollten uns die Amerikaner nach Jena mitnehmen. Mit Mehrheitsentscheidung haben wir die Abfahrt verweigert. Die Situation ist aussichtslos. Es gibt nichts mehr zum Essen. Mittags haben wir noch Erbsen gekriegt, aber angeblich zum letzten Mal. Unsere Lage ist völlig aussichtslos. Die Amerikaner verlassen die Stadt. Der Kommandant sagte, er würde uns nicht zum Reisen zwingen, aber er wird uns keinen Proviant und Fahrzeuge Richtung Pilsen zur Verfügung stellen. Die Verzweiflung ist groß, viele sagen, dass sie zu Fuß loslaufen und ihre Sachen auf Karren hinter sich herziehen. Abends hat uns die Nachricht erreicht, dass die Russen angeblich morgen herein marschieren.

1. Juli
Endlich sind heute die Russen angekommen. Wir warten seit dem 2. November 1944 auf sie. Vormittags ist ein Offizier zu uns ins Lager gekommen, mittags noch einer. Nachmittags gingen wir in die Stadt. Die Stadt ist sehr schön. Heute besonders belebt. Die Straße ist voller Serben. Vera hatte großen Erfolg bei ihnen. Überall sind rote Fahnen zu sehen mit der Aufschrift: „Wir grüßen die Rote Armee“, „Wir grüßen die Helden der Roten Armee“, „Es lebe der Genosse Stalin!“ Dasselbe auch auf Russisch. Vor dem Rathaus große Menschenmenge, auf dem Rathaus drei große Sowjetsterne.
Ein gefangener deutscher Offizier hisst an jedem Fenster rote Fahnen. Wir haben mehrere Kirchen gesehen, von innen aber nur eine, auf ihrem Turm war auch eine rote Fahne. Es gibt viele schöne Läden, bloß ohne Ware. Das Villenviertel ist riesig und die Gärten wunderschön. Ich kann noch erwähnen, dass wir von einem Garten drei Zwiebeln bekommen haben - gratis.

2. Juli
Wir haben in der Nacht fürchterlich schlecht geschlafen. Das Zimmer, wo wir geschlafen haben, war voller Käfer, die beißen. Unsere Situation verbessert sich offensichtlich, die Verpflegung ist seit gestern auch besser. Frühstück: eine kleine Fleischdose, Fettbemme; Kaffee; Mittag: essbare Erbsen; Abendessen: ein Viertel Brot und Fleischdose. Die Russen versprechen alles Gute. Am Morgen haben sie gesagt, dass wir noch heute in die Stadt ziehen können. Die Sache hat sich aber verschoben, sie sagen morgen. Am Nachmittag Spaziergang in der Stadt. Jede Viertelstunde gibt‘s einen Regenschauer. Stets trafen wir Serben, mit dem einen haben wir uns länger unterhalten. Wir haben Russen gesehen im Auto, mit Wagen, mit Pferd. Am Abend waren wir in der evangelischen Kirche zum Gottesdienst. Am Ende fing die Rede an, langweilig zu werden, so dass wir uns davongemacht haben.

3. Juli
Es regnet fortwährend. Mit dem Umziehen wurde noch nichts. Jede Minute wechseln sich die Nachrichten ab, etwas Sicheres weiß noch keiner. Aus Karlsbad ist gestern ein jüdischer Junge gekommen, der uns in kleineren Gruppen nach Karlsbad transportieren würde. Die Pécser, nachdem sie gut eingekauft haben, haben mitgeteilt, dass sie mit ihren Damen sich verabschieden. Konserven wurden ausgeteilt, eine Hälfte von der großen und dazu eine kleine Fleischdose war die Ration. Das war alles, so dass wir das mit Zwiebeln verzehrten.
Ich habe 30 deutsche Zigaretten für 30 Mark verkauft, mit diesem Vermögen sind wir am Nachmittag in die Stadt gegangen. Inzwischen hat es immer geregnet, doch uns ging es gut. Wir haben 6 Postkarten für 90 Pfennig gekauft, haben in einer Konditorei 7 Bier und 2 Kaffees getrunken für 2,90 Mark und haben 3 Notenhefte (Heft mit Noten und Notenschlüssel) für 8,50 Mark erworben. Dann sind wir in die Stadtbücherei gegangen und haben uns angemeldet. Zu zweit haben wir 4 Kunstbücher bekommen und haben 50 Pfennig bezahlt.

4. Juli
Sowohl vormittags, als auch nachmittags sind wir in der Stadt gewesen. Irgendwo haben wir eine Fleischbrühe getrunken, 1 dl ungefähr für 20 Pfennig. Wir waren auch am Bahnhof. Der Bahnhof ist sehr schön (der Verkehr war auch groß), es war auch viel Betrieb, viele Häftlinge und Emigranten reisen jetzt. Im Wartesaal haben wir gutes Bier getrunken für 25 Pfennig.

5. Juli
Hinsichtlich auf unsere (Heim)Reise ist die Lage noch unverändert. Merkwürdigerweise hat es heute nicht geregnet. Die Damen haben sich massenhaft Zellophan -Mäntel angeschafft. Manche kaufen sogar mehrere. Die größte Größe kostet 25 Mark. Ich habe gehört, dass Braun, Tibor und sein Vater 20 Stück davon gekauft haben, sie nehmen es mit nach Hause, um Geschäfte damit zu machen. Am Vormittag haben wir 20 amerikanische Zigaretten für 40 Mark verkauft, damit sind wir am Nachmittag in die Stadt gefahren. In der Stadt ist schon richtig viel los. Auf der Straße sind Kommunisten-Plakate, die Antifaschistische Jugend ist gegründet worden, sie verbreiten Nazis-beschimpfende Flugblätter. Eine Aufschrift „Es lebe Sowjet-Deutschland!“
Wir sind in drei riesigen Kaufhäusern gewesen. Das eine hatte Kleider von ziemlich guter Qualität. Im anderen konnte man in der Lebensmittelabteilung Mehl, Zucker, Kaffeepulver, Honig, Schafskäse, Sauerkraut, Butter, Zwiebeln, Möhren und Gurken kaufen. Natürlich alles auf (Lebensmittel)-Karte. Wir haben eine kleine Leinentasche für 1 Mark, Schuheinlage für 15 Pfennig, Geschirrpulver für 12 Pfennig und Spielkarten für 15 Pfennig gekauft. Die Preise sind sehr niedrig, 1 kg Zucker kostet 76 Pfennig, 1 kg Brot bloß 30 Pfennig. In einer Drogerie haben wir noch Lippenstift für 3 Mark, Damenbinden für 50 Pfennig, Puder, Handwaschmittel, Zahnpulver zum Zähneputzen geholt. In der Apotheke Borvaselin und Azetylin 75 Pfennig, im Papierladen dann Hefte und Postkarten. Danach sind wir in die Straßenbahn Richtung Bahnhof eingestiegen für 20 Pfennig. Unterwegs mussten wir aber aussteigen, weil ein russisches Auto auf den Gleisen stand.
Wir sind in eine kleine Kneipe hineingegangen, wo wir sehr unfreundlich empfangen worden sind und nur eine Tasse Fleischbrühe bekommen haben. Danach haben wir bis zum Abend am Bahnhof Karten gespielt und Bier getrunken. Wir sind dann betrunken nach Hause gekommen. [Der letzte Satz ist in einer anderen Handschrift geschrieben.]

6. Juli
Angeblich soll die erste Gruppe Richtung Karlsbad schon morgen früh fahren. Da das ein Privatunternehmen wäre, musste Jede Zigaretten oder Kleiderstoff geben. Von den Serben haben wir heute 1,5 kg Brot für 20 amerikanische Zigaretten abgekauft. Sie haben 7 bis 8 Brote geholt, sie waren noch warm. Sie verhandeln mit dem Bäcker. Am Vormittag habe ich mir einen Pullover gekauft für 20 deutsche Zigaretten von einem deutschen Kommunisten.
Nachmittag-Spaziergang. Wir haben eine Bürste für 65 Pfennig, Lippenstift für 3 Mark und Zahnpulver für 25 Pfennig gekauft. Wir haben gesehen, dass ein Kilo Mehl 40 Pfennig, 1 kg Schafskäse 60 Pfennig kostet. Die roten Fahnen und Plakate haben sie von überall heruntergenommen. Wir haben deutsche Juden im Auto gesehen mit blau-weißen Fahne. Am Abend hat Onkel Dori (Immerglück Izidor) Couplets gesungen.

7. Juli
Von der russischen Kommandantur hat man die Leute zurückgeschickt, sie sollen wiederkommen Um 12 kamen aber die Leute mit der Nachricht, dass alles in Ordnung sei, morgen ist die Abfahrt. Am Nachmittag bin ich in der Schlange gestanden für Kinokarten, wir haben bloß für morgen welche gekriegt. Vor dem Regen sind wir in ein Noten(heft)-Geschäft geflüchtet. Wir haben 7,05 Mark dagelassen. Nachher gingen wir zum Schwanenteich, wo wir Orangensaft getrunken haben für 20 Pfennig. In einem Briefmarkenladen haben wir russische Briefmarken für 2,95 Mark gekauft. Dann haben wir vor einem Museum eine Rübe aus der Erde gezogen und sind durch den Friedhof nach Hause gegangen.

8. Juli
Endlich fuhr heute der erste Transport nach Karlsbad los.

9. Juli
Für zwei Hemden haben wir 1 kg Zucker, für 20 amerikanische Zigaretten 1,5 kg Brot gekauft. Am Abend sind die Leute aus Pécs angekommen. Der Transport kam schwierig nach Karlsbad, sie sind 14 Stunden unterwegs gewesen, die amerikanische Wache hat sie aufgehalten. Morgen werden 200 losfahren.

10. Juli
Am Vormittag sind 5 Wagen 200 Menschen weggefahren. Erneut haben wir für 2 Hemden 1 kg Zucker gekauft. Heute haben wir endlich wieder reichlich zum Essen bekommen. Am Morgen für jeden ca. 1,5 l süßen Milchkaffee, zum Mittag ca. 2,5 I Kartoffelgulasch, danach je einen großen Bund rohe Möhren. Izidor tut was er kann. Weitere Speisen: ca. 28 dkg Zucker, 15 dkg Butter, 15 dkg Honig, großer Bund Möhren, Zwiebeln, Grießbrei ohne Maß.

11. Juli
Am Morgen sind die Pécser angekommen. Die Autos sind schwierig angekommen. Mit zwanzig Leuten haben wir in einen Kleinwagen hineingepasst. Abfahrt aus Zwickau: 13 Uhr. Die Hälfte des Weges haben wir bei strömendem Regen auf einem offenen Lastwagen gemacht. Ankunft in Karlsbad um 21 Uhr. Unterkunft in einem wunderschönen Hotel. Abendbrot war gemischter Eintopf und 2 Scheiben Brot. Wir schliefen in einem Zweibettzimmer im 4. Stock.

12 Juli
Frühstück: 2 Scheiben Brot, süßer Kaffee. Um 9 Uhr sind wir zum Bahnhof Iosgelaufen. Das Gepäck kam in einen separaten Waggon, wir in einen Personenzug. Abfahrt ca. 11 Uhr. Größere Bahnhöfe: Chomutov, hier auch Umsteigen, in einer Stunde fahren wir weiter. Die Deutschen haben weiße Armbinden. 19:30 Uhr Ankunft in Prag. Wir erhalten das Gepäck, 25 dkg Brot. 2 Löffel Marmelade und Zucker. Ca. 23:30 Uhr fahren wir nach Prag los. Angeblich sollen wir am 14. schon in Budapest sein.

13. Juli
Reise, ungemütliche Nacht. Abenteuer mit den Russen. Überall die verschiedensten Waggons mit Deutschen, Italienern, Ungarn, Tschechen, Holländern, Belgiern. In Kolin standen wir morgens ab 6 Uhr bis etwa 11 Uhr, nach 3 Stunden weitergefahren, den halben Tag lang in Olmütz gewartet. In Prešov 10 dkg Brot, einen Löffel Suppe mit Paprika. Wir werden einem Personenzug angeschlossen und die Nacht durchfahren.

14. Juli
Bei Dämmerung werden wir zu dem nach Bratislava fahrenden Zug angehangen. An mehreren Stellen müssen wir stundenlang weilen. Überall warten Transportzüge auf Abfahrtsmöglichkeit. Wir haben sogar die erste Zwickauer Gruppe gesehen. Vormittags um halb zwölf sind wir in Bratislava angekommen, wo wir auf ein Nebengleis geschoben wurden. Um 16 Uhr haben wir einen Viertel Löffel getrocknete Gemüsesuppe gegessen. Von Bratislava losgefahren eine halbe Stunde nach Mitternacht, es war stockfinster, und wir waren sehr aufgeregt.

15. Juli
Die Russen haben mehrere Gepäckstücke in der Nacht gestohlen. Sie kletterten auf die Waggons, wir hatten Angst, aber schließlich ist uns nichts passiert. Bei Párkánynána ist ein böser tschechischer Finanzbeamter hineingestiegen. Er hat uns einen Mantel abgenommen.
Vormittags gegen 11 Uhr sind wir am Westbahnhof in Budapest angekommen. Wir wurden von einer Delegation der DEGOB empfangen und haben ein halbes Kilo Brot, Marmelade und Tee bekommen. 

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